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» Und Allah schuf das Pferd und rief ihm zu: Dich habe ich geschaffen ohnegleichen.
Alle Schätze dieser Erde liegen zwischen Deinen Augen. «
aus dem Koran
Kommunikation mit Pferden
Jeder Pferdebesitzer wünscht sich ein gutes und entspanntes Verhältnis zu seinem Partner Pferd. Leider sieht
die Realität etwas anders aus. Meist besteht die Beziehung zwischen dem Pferdebesitzer und seinem Pferd aus Kampf und Krampf.
Pferde sind wunderbare Lebewesen, die immer im Hier und Jetzt leben. Ihnen können wir nichts vormachen. Sie lassen sich nicht
täuschen und sind absichtslos und unbestechlich. Bin ich keine Autorität und klar in meinen Absichten, zeigt mir das das Pferd
sofort. Es wird mich nicht respektieren und für sich selbst sorgen, d.h. es macht was es will. Die Pferde zeigen uns immer
unseren momentanen Zustand. Die Pferde können uns dabei helfen, wieder zu uns selbst und in unsere Balance zu finden.
Sie sind unser Spiegel. Das gleiche gilt auch für unsere Kinder.
Wenn wir ehrlich und mutig genug sind und wenn wir es wollen,
können wir in diesen Spiegel schauen und uns mit unserem Pferd weiterentwickeln zu einem unschlagbaren Team. Wir können eine
Beziehung aufbauen, die von gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Vertrauen geprägt ist!
Deshalb bedeutet arbeiten mit dem Pferd immer arbeiten an mir selbst!
Respekt & Vertrauen
Durch die Kommunikation am Boden stellen wir ein solides Respekts- und Vertrauensverhältnis zu unserem Partner Pferd
her. Ohne Zwang, Druck und Gewalt. Auf einer partnerschaftlichen und gleichberechtigten Basis. Sie ist die Grundlage für die
Balancierung und Gymnastizierung des Pferdes.
Balancierung & Gymnastizierung
Pferde können sich von Natur aus in allen Gangarten sehr gut ausbalancieren. Sobald jedoch ein Mensch das Pferd reiten möchte,
ist er für das Pferd ein Störfaktor.
Die Balancierung schult das Pferd auf zwei Spuren zu laufen, d.h. es lernt auf zwei Spuren wie eine Eisenbahn um die Kurve zu
gehen und nicht wie ein Tanker um die Kurve zu schleudern.
Die Balancierung ist gleichzeitig Vorraussetzung, um das Pferd auch reiten zu können.
Deshalb muss der Mensch einen ausbalancierten Sitz erlernen, damit er das Pferd nicht in seiner Balance behindert.
Ausbalancierte Pferde sind körperlich und geistig selbstbewusster und ausgeglichener - sie sind in Balance!

Dufle in Disbalance - Inneres Hinterbein kreuzt in die Spur des äußeren Vorderbeins!

Dufle in Balance - Hier laufen Vorder- und Hinterbeine auf zwei Spuren parallel!
Galopp- und Cavalettiarbeit
Neben der Verfeinerung des Respekts- und Vertrauensverhältnisses, eignet sich die Galopp- und Cavalettiarbeit als Trainingsprogramm
und um die Arbeit mit dem Pferd am Boden abwechslungsreicher gestalten zu können.
- Durch die Arbeit im Stangenquadrat kann sich das Pferd perfekt biegen, was eine hervorragende Gymnastizierung ist.
- Durch Stangenarbeit lernt das Pferd seine Hufe zu heben und darauf zu achten, wo es hinläuft und es wird trittsicherer.
- Der Trab über Stangen wird raumgreifender und die Hinterhand wird aktiviert.
- Kleine Sprünge über Cavalettis bringen die Schulter nach oben und sorgen so für mehr Aufrichtung.
- Das Respekts- und Vertrauensverhältnis wird verfeinert.
- Die Hinterhand wird durch Kombinationen gekräftigt und das Pferd kann die Hanken besser beugen.
- Das Pferd entwickelt Mut und Selbstvertrauen.
Gesunde Hinterhandaktivierung
Haben Pferde keine aktive Hinterhand, gehen sie in kurzen Trippelschritten vorwärts. In den meisten Fällen können die Pferde
ihre Hanken nicht richtig beugen (Hüfte-Knie-Sprunggelenk = Hankenbeugung) und den Rücken nicht aufwölben und somit nicht
weit genug unter ihren Schwerpunkt treten, sie latschen auf der Vorhand. Auf Dauer wirkt sich das schädlich auf die Gesundheit
der Pferde aus. Es kommt zu Schmerzen, Verspannungen und Steifheit im Rücken und der Hinterhand und die Vorhand wird überlastet,
was dann hier ebenfalls zu gesundheitlichen Problemen führt.
Bei der Bodenarbeit und vom Sattel aus muss das Pferd 'wie ein Ochse' angetrieben werden oder es wechselt in eine andere Gangart,
um sich entziehen zu können.
Hat das Pferd eine gesunde Hinterhandaktivierung, tritt es mit den Hinterbeinen weit unter seinen Schwerpunkt bis über die Spur
des Vorderbeines. Dazu muss es die Hüfte-Knie-Sprunggelenke beugen (Hankenbeugung). So kann es den Rücken aufwölben und sich frei
von Schmerzen und Verspannungen bewegen und die Vorhand wird nicht überlastet.
Die gesunde Hinterhandaktivierung ist ideal, um Pferde, gerade im Winter, gesund und fit zu erhalten. Durch die Bewegung im Schritt werden
die Gelenk geschmiert und die Pferde werden in ihren Bewegungen geschmeidiger. Anfängliche Steifheiten verlieren sich nach kürzester
Zeit.
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» Für das Flucht- und Beutetier Pferd,
das immer auf der Hut sein muss, um reaktionsschnell
einem ‘Raubtierangriff’zu entkommen,
ist im Gleichgewicht zu sein äußerst wichtig.
Inneres und äußeres Gleichgewicht
sind die Voraussetzung, um zu überleben.
Jeder Mangel an Balance bedeutet
Stress für das Pferd. «
Quelle: Ulrike Thiel: “Die Psyche des Pferdes”, 2007
Warum Balance & Gymnastizierung so wichtig ist!
Der nachfolgende Artikel von Dr. Gerd Heuschmann soll dem Leser einen Einblick verschaffen, warum die Balancierung und Gymnastizierung des
Pferdes, um es als Reitpferd nutzen zu können, so wichtig ist.
Der Rücken
"Stell' ihn tiefer ein!", ist ein beliebtes Kommando in deutschen Reithallen. Und jeder Reitschüler hat irgendwie verinnerlicht,
dass "das Pferd den Hals krumm machen soll". Aber warum eigentlich? Das fragt kaum einer. Stattdessen wird geriegelt und gezogen,
was das Zeug hält - Hauptsache, der Kopf ist unten. Und wer erkennt, dass das nicht gut sein kann, verkehrt oft ins Gegenteil:
Sein Pferd darf mit erhobener Nase gehen, dem Tier zuliebe. Falsch ist beides, wie der folgende Artikel von Dr. Gerd Heuschmann
zeigt.
Das geforderte Vorwärts-Abwärts-Dehnen des Pferdehalses ist keine Erfindung der Reitlehre, sondern liegt schlicht in der Natur
der Sache. Es hat mit der Konstruktion des Pferdes zu tun, vor allem mit seinem Rücken...
Machen wir uns erst einmal den Aufbau des Pferdes klar: Der Rücken des Pferdes ist eine Brücke zwischen Vorhand und Hinterhand.
Man nennt sie Wirbelbrücke. Sie besteht aus 18 Brustwirbeln und in der Regel sechs Lendenwirbeln. Die Wirbel sind durch
zahlreiche, kleine Gelenke sowie durch starke Bänder und Muskeln miteinander verbunden. Dieser Wirbelsäulenabschnitt wird dadurch
sehr stabil und ist nur in geringem Maße beweglich. Im Gegensatz dazu ist die Halswirbelsäule mit den sieben Halswirbeln sehr
beweglich, vergleichbar mit der menschlichen Wirbelsäule. An die Lendenwirbelsäule schließen sich das Kreuzbein, ein aus fünf
Einzelwirbeln verwachsener Knochen sowie schließlich etwa 20 Schwanzwirbel an. Das Kreuzbein ist durch seine seitlichen Flügel
sowie einer starken Bandmasse mit dem Becken verbunden. Über dieses Gelenk wird die Schubkraft aus der Hinterhand an die
Wirbelbrücke bis hin zum Pferdemaul weitergeleitet. (siehe Abbildung 1)
Das Nackenrückenband trägt das Gewicht
Ein gut genährtes Pferd wiegt zirka 500 bis 700 Kilogramm, folglich belasten ständig etwa 200 bis 300 Kilogramm die
Wirbelbrücke. Das Gewicht ruht allerdings nicht auf dem Knochengerüst allein, vielmehr wird ein großer Teil der Tragearbeit
vom Nacken-Rücken-Band geleistet. Die Gipfel aller Dornfortsätze des Rückens sind von einem sehnigen Band, dem so genannten
Rückenband, überzogen, das im Bereich des Widerrists eine breite Kappe, die Widerristkappe bildet. Vom Dornfortsatz des dritten
Brustwirbels zieht es als starker elastischer Nackenstrang zum Hinterhauptsbein und mit weiteren Bandanteilen zu jedem
einzelnen Halswirbel. (siehe Abbildung 2)
Dehnt das Pferd den Hals nach vorne, übt das Nackenband eine entsprechende Zugwirkung aus. Dabei werden die Dornfortsätze des
Widerristes aufgerichtet, gleichzeitig wird die Zugwirkung auf das sehnige Rückenband, das als direkte Fortsetzung des Nackenstrangs
alle Dornfortsätze des Rücken verbindet, auf den Rücken übertragen. Indem sich die Dornfortsätze nach vorn aufrichten, müssen
ihm die Rücken- und Lendenwirbel nach vorn und oben folgen. Der Rücken wird angehoben! In der Natur passiert das fast ständig,
da das Pferd mehr oder weniger den ganzen Tag mit Futtersuche und der Nase an der Erde zubringt. Das ungerittene Pferd ist
somit vollständig im Gleichgewicht. (siehe Abbildung 3)
Warum reiten wir die Pferde vorwärts-abwärts?
Dieses natürliche Gleichgewicht geht logischerweise verloren, sobald ein Reiter sich auf den Rücken des Pferdes schwingt.
Infolge der ungewohnten Belastung zieht das junge Pferd, das zum ersten Mal den Reiter spürt, den Rückenmuskel zusammen und
"macht sich fest".
Der lange Rückenmuskel ist für eine senkrecht einwirkende Belastung nicht geschaffen, er ermüdet schnell
und beginnt zu schmerzen. Nach einiger Zeit kann das Pferd diese Verspannung nicht mehr aufrechterhalten, der Rücken hängt
durch. Dabei trägt das Pferd das Reitergewicht mehr oder weniger nur mit dem Knochengerüst, ohne irgendwelche Muskeln zu Hilfe
zu nehmen. Landläufig wird dieses "Durchhängen-Lassen" auch als "Wegdrücken" des Rückens oder auch als "Auseinanderfallen"
des Pferdes bezeichnet. Die Begriffe sind allerdings widersprüchlich, da man meinen könnte, das "böse" Pferd mache dies
absichtlich. Das ist aber falsch. Es kann schlicht und einfach nicht mehr! Bedauerlicherweise gibt es Pferde, die ihr Leben
lang ihren Reiter im Wechsel zwischen "Festmachen" und "Durchhängen-Lassen" des Rückens ertragen. Leider muss gesagt werden,
dass dieser bedauernswerte Zustand meist hausgemacht ist, nämlich eine Folge falschen Reitens. Für den Reiter sind solche Pferde
unbequem, lassen nicht sitzen und werfen stark im Trab. Für die Pferde sind die Folgen allerdings schlimmer: Sie verschleißen
sehr schnell, auch an den Gliedmaßen. Der lange Rückenmuskel des Lauftieres Pferd ist also zum Tragen des Reiters nicht geeignet!
Wie aber funktioniert es dann?
Wie wir schon gesehen haben, ist es im Wesentlichen das Nackenband, das dem Pferd in der Natur
hilft, den Rücken zu heben, indem es nach vorne gedehnt wird. Das Gleiche gilt um so mehr, wenn das Reitergewicht hinzukommt.
Das Pferd balanciert dann mit dem Gewicht von Kopf und Hals das Reitergewicht aus - wie eine Waage. Da die Oberhalsmuskulatur
beim jungen und/oder schlecht bemuskelten Pferd zu schwach ist, um diese Tragearbeit zu leisten, gilt: Je schwerer der Reiter,
um so tiefer muss das Pferd zunächst eingestellt werden. Damit wird auch klar, warum man ein junges Pferd immer vorwärts-abwärts
reiten soll. Für das gerittene Pferd ist der Kopf-Hals-Hebel die Balancierstange, die ihm hilft, das Reitergewicht leichter zu
tragen. Gleichzeitig werden die verschiedenen Rückenmuskeln und die Kruppe frei, so dass sie ihrem eigentlichen Sinn und Zweck -
der Fortbewegung - dienen können. Das Pferd geht mit gelöstem, schwingendem Rücken. (siehe Abbildung 4)
Ganz wichtig ist dabei, dass das Pferd den gedehnten Hals passiv "fallen lässt" und nicht etwa durch massive Handeinwirkung
"aktiv beugt", sich aufrollt oder auf das Gebiss legt. Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkung
Ihre Zügeleinwirkung auf das Genick des Pferdes hat? Auch hier hilft ein wenig Physik. Sehen Sie sich doch einmal die Abbildung 5
und dort folgende drei Punkte an: 1) den Ansatz des Nackenbandes an der Hinterhauptschuppe, 2) die Lage des Atlanto-Occipitalgelenks (Genick) sowie 3)
die Lade. Wenn Sie die drei Punkte verfolgen, erkennen Sie, dass diese ebenfalls dem Hebel-Gesetz folgen: Das heißt, wenn Sie
20 Kilogramm "in der Hand haben", erzeugt dies ein Vielfaches an Zuglast am Nackenband-ansatz. Nun verstehen Sie auch, warum
eine dauerhafte Einwirkung dieser Art zwangsläufig zu einer Schädigung dieses Nackenbandansatzes führen muss. Erkrankungen
dieser Art sind äußerst schmerzhaft und machen ein Vorwärtskommen des Pferdes in seiner Ausbildung unmöglich. (siehe Abbildung 5)
Auf dem richtigen Weg?
Nirgends ist das Wachstum einzelner Muskeln und Muskelgruppen so gut zu beobachten wie am Hals. Wie schon beschrieben, werden
die Nackenmuskeln eines gut gehenden Pferdes dauernd beansprucht und nehmen wie jeder arbeitende Muskel an Umfang zu. Der Nacken
wird breiter, die bei einem jungen Pferd sichtbare dreieckige Vertiefung zwischen Halswirbelsäule und Mähnenkamm füllt sich bei
richtig verstandener und ausgeführter Ausbildung auf. Hierbei handelt es sich um eine Art von Muskulatur, die langfristig passive
Haltearbeit leisten kann; ganz im Gegenteil zum Beispiel zum bereits erwähnten langen Rückenmuskel. Die Halsbeuger - die Muskeln
am Unterhals - dagegen verstärken sich nicht, gehen sogar etwas zurück und lassen die Drosselrinne am unteren Halsteil immer
deutlicher erkennbar werden. Im Laufe des Trainings entsteht ein schöner, gleichmäßiger konvexer Bogen. Der Hals wirkt gleichzeitig
länger. An der Entwicklung der Halsmuskulatur können wir erkennen, ob ein junges Pferd ausbildungsmäßig auf dem richtigen Weg
ist. (siehe Abbildung 6)
Schwingender Rücken - aber wie?
Fassen wir noch einmal zusammen: Ziel unserer Reiterei ist es, den Rücken des Pferdes zum "Schwingen" zu bringen. Nur dadurch
wird sichergestellt, dass das Pferd den Reiter langfristig tragen kann, ohne zu verschleißen. Und nur mit einem gelösten,
schwingenden Rücken ist ein Pferd in der Lage, sein volles Bewegungspotenzial optimal zu nutzen. Dabei dient, wie gesagt, der
lange Rückenmuskel ausschließlich der Fortbewegung und nicht dem Tragen des Reitergewichts! Ein Pferd mit durchhängendem oder
festgehaltenem Rücken ist in seiner Bewegungsfähigkeit behindert. Es "fällt auseinander" oder bewegt sich unsicher und gespannt,
die Hinterbeine können sich nicht frei und ungezwungen bewegen.
Leider sind nicht alle in der Lage, einen reell schwingenden Rücken zu erkennen. Selbst in Experten- und Richterkreisen neigen
immer noch einige dazu, einem spektakulären, aber verspannten Gestrampel den Vorzug vor einer wirklich lockeren, gelösten
Bewegung des Pferdes zu geben. Während die Hinterbeine beim verspannten Rücken ihre natürliche Bewegungsfreiheit verlieren,
kann umgekehrt auch der Rückenmuskel nicht ungestört arbeiten, wenn falsche Schenkel- und Zügelhilfen den natürlichen Rhythmus
der Hinterbeine behindern.
Das erste Gebot, um den Rücken zum Schwingen zu bringen, heißt daher taktmäßiges, rhythmisches Reiten! Erinnern Sie sich noch
an die Skala der Ausbildung? Jetzt wissen Sie auch, warum der Takt dort an erster Stelle steht! Ein weiteres Problem auf dem
Weg zum schwingenden Rücken ist der falsche Sitz des Reiters. Ein Reiter, der selbst im Rücken verspannt und fest ist, neigt
dazu, im Trab senkrecht auf dem Pferderücken herumzuhämmern, so dass sich dieser logischerweise ebenfalls verspannt. Als
weitere Folge davon lässt das Pferd den Hals nicht fallen, die Nackenmuskel kommen nicht zum Einsatz, der Rücken kämpft mit
Festhalten und/oder Wegdrücken mit dem Reitergewicht. (siehe Abbildung 7)
Dagegen lässt der Rücken um so schneller los, je vorsichtiger und geschmeidiger der Reiter einsitzt. Grundsätzlich sollte so
lange leichtgetrabt werden, bis der Rücken entspannt ist, und erst dann mit dem Aussitzen begonnen werden. Ein guter Reiter
sitzt dabei in Richtung der Muskelfasern - von hinten nach vorne - ein. Wann genau mit dem Aussitzen begonnen werden kann,
hängt individuell von jedem Reiter/Pferd-Paar ab. Damit wird klar, warum zu Beginn jeder Reitstunde nach einer Warmlaufphase
im Schritt das "Lösen" auf dem Plan steht. Ziel ist es, das Aufwärmen, Entspannen und Loslassen des Rückens zu erreichen, erst
dann wird jede weitere Arbeit sinnvoll. Die gerne praktizierte Methode - "zehn Minuten Schritt, zehn Minuten Leichttraben, und
los geht's " - ist also ziemlicher Humbug, wenn man bedenkt, dass bei weitem nicht jedes Pferd bereits nach dieser Zeit locker
ist. Gegebenenfalls kann dies bedeuten, dass die gesamte Reitstunde, ja Wochen oder Monate für dieses Ziel verwandt werden
müssen. Losgelassenheit aber ist das Zauberwort für eine wirklich harmonische Reitstunde. Sie steht daher auch nach dem "Takt"
auf Platz zwei der Skala der Ausbildung!
Rückentraining
Wir sprechen bei der Ausbildung des Pferdes oft von der "Gymnastizierung". Im Grunde bedeutet dies nichts anderes als der
systematische Aufbau bestimmter Muskeln und Muskelgruppen. Nichts anderes also als das, was auch wir Menschen mit Gymnastik
oder Krafttraining im Fitness-Studio erreichen wollen.
Während beim dreijährigen Pferd das Gleichgewicht vorwiegend über den Trab gefunden wird, eignen sich für das gezielte
Rückentraining beim älteren Pferd besonders das wiederholte Angaloppieren, lange Galoppreprisen im Gelände und das Klettern am
Hang. Hilfreich ist auch die Arbeit über Stangen oder niedrige Kavalettis oder auch leichte Springgymnastik, bei der das
Pferd angeregt wird, im Rücken tätig zu werden. Im Laufe des richtigen Trainings wird die flache Rückenmuskulatur des Pferdes
erhabener. Das Spiel der Muskeln im Takt des Ganges wird deutlich sichtbar. (siehe Abbildung 8)
Rückenprobleme: Hausgemacht oder exterieurbedingt?
Viele Rückenprobleme sind hausgemacht, das heißt, sie kommen schlicht durch falsches Reiten und Gymnastizieren. So kommt es
beim ständig festgehaltenen Rücken zum Abbau und Abflachen des Muskels, was mit der mangelnden Durchblutung des verspannten
Muskels zusammenhängt. Ständiges "Wegdrücken" des Rückens kann ebenfalls zu zahlreichen Erkrankungen der Wirbelsäule führen.
Denn wie wir ja gesehen haben, trägt in diesem Fall das Knochengerüst fast die gesamte Last des Reiters. Allerdings gibt es
auch Pferde, die von ihrem Exterieur her größere Probleme mit sich bringen als andere.
Langfristig zu Rückenproblemen führen kann eine schlechte Kopf-Hals-Verbindung (enge Ganasche oder Schwanenhals), aber auch
ein kurzer Rücken (Quadratpferd). Ein kurzer und stark bemuskelter Rücken ist von Natur aus recht tragfähig. Daher sollte man
eigentlich meinen, dass sich ein kurzes, kompaktes Pferd besser zum Tragen eines Reiters eignet als ein langes, "weiches" Pferd.
Die Realität sieht aber anders aus, gerade die kurzen Pferde sind oft fest und lassen sich nur schwer lösen. Warum eigentlich?
Zum einen wird ein kurzer, weniger elastischer Rücken punktuell stärker belastet als ein längerer. Erschwerend kommt hinzu,
dass der Sattel bei einem kurzen Rücken häufig auf den Querfortsätzen der Lendenwirbelsäule zum Liegen kommt. Anders als im
Brustwirbelbereich, in dem der lange Rückenmuskel von den gelenkig mit der Wirbelsäule verbundenen Rippenbögen getragen wird,
sind die Querfortsätze im Lendenwirbelbereich starr, was zu unübersehbarer Abwehrspannung führt. Die Abwehrspannung ist
folglich bei sehr kurzen Pferden wesentlich stärker und auch schwerer zu beseitigen. Ergo: Ein Reiter kann auch zu groß für
ein Pferd sein.
Fazit:
Sollte Ihr Pferd massive Probleme mit der Losgelassenheit und Anlehnung haben, sollten Sie sowohl die anatomischen Eigenschaften
Ihres Pferdes als auch Ihre reiterliche Einwirkung gründlich unter die Lupe nehmen. Seien Sie dabei selbstkritisch und suchen
Sie nicht nur die Fehler beim Pferd. Bedenken Sie, dass das Pferd keine bösen Absichten hat. Es reagiert nur! Beim korrekt
gebauten Pferd sind Verspannungen und Rückenprobleme IMMER das Ergebnis anhaltender falscher Einwirkung durch den Reiter.
Umgekehrt können aber auch Pferde mit einer problematischen Anatomie des Rückens dauerhaft im Sport eingesetzt werden ohne
Schaden zu nehmen, wenn sie entsprechend ausgebildet und konsequent trainiert werden.
(aus: Pferde Fit&Vital Nr. 01/2002)
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